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Der Todesmarsch am 7. April 1945 durch Bruck an der Mur - Ein neues Mahnmal
Am 12. November 2025 wurde im Park neben der Volksschule Körnerstraße in Bruck an der Mur ein neues Mahnmal für die Todesmärsche ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter enthüllt. Das Mahnmal ist ein Gemeinschaftskunstwerk von AHS-Absolventinnen und Absolventen mit den Künstlern Florian Lercher und Albin Wirbel in Kooperation mit dem Stadtmuseum Bruck.
Am 7. April 1945 führte der größte der sogenannten Todesmärsche durch die Steiermark mit rund 6.000 größtenteils ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern mitten durch Bruck an der Mur. Der damals fünfjährige Johann Trummer beobachtete schockiert die kargen Gestalten, die durch die damalige Bismarckstraße (heute Körnerstraße) getrieben wurden. Sein Vater Emmerich Trummer ließ unter Todesgefahr insgesamt mindestens dreizehn in Bruck auf Todesmärschen ermordeten jüdischen Zwangsarbeitern eine fürsorgliche Bestattung zuteilwerden und wurde dafür von der Israelitischen Kultusgemeinde geehrt. In einem privaten Totenbuch hielt er die in Bruck getöteten Menschen als „Israeliten“ handschriftlich fest. Diese Toten wurden 1954 exhumiert und auf den Jüdischen Friedhof nach Graz überführt.
Schülerinnen und Schüler, mittlerweile Absolventinnen und Absolventen des Brucker Gymnasiums, hatten sich im Laufe ihres letzten Schuljahres im Rahmen eines Generationenprojektes und im Unterricht intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Neben einem gemeinsamen Mauthausenbesuch konnten sie sich bei Vorträgen der Historiker:innen Eleonore Lappin-Eppel, Gerald Lamprecht und Heimo Halbrainer bestens informieren. Zum Abschluss ihrer Schulkarriere legten die Jugendlichen bei einem Workshop mit dem Brucker Künstler Florian Lercher und Professorin Birgit Remele mit einem großflächigen abstrakten Bild den künstlerischen Grundstein für ein Mahnmal, das Florian Lercher gemeinsam mit dem Metallkünstler Albin Wirbel finalisierte.
Neben einem Gedenkzeichen für die Todesmärsche durch Bruck soll das ausdrucksstarke abstrakte Bild im künstlerischen Metallrahmen mit erklärender Gedenktafel aber auch, im Gedenken an Emmerich Trummer, ein Ansporn für mehr Menschlichkeit, Toleranz und Zivilcourage sein.
Dieses Gedenkzeichen im Park neben der Volksschule Körnerstraße, unmittelbar dort, wo Johann Trummer den Todesmarsch beobachtete, konnte unter Anwesenheit von Emmerich Trummers letzten noch lebenden Sohn Dr. Peter Trummer, seiner Enkeltöchter Jasmin Novak und Miriam Haberteurer sowie seiner Schwiegertochter Eva Faschingbauer enthüllt werden.
Gestaltet wurde die Zeremonie mit Gedenkreden von Bürgermeisterin Susanne Kaltenegger, Museumsvereinsobfrau Irmengard Kainz und Professor Gerald Lamprecht vom Centrum für jüdische Studien der Uni Graz. Besonders berührend war die Verlesung von Gedichten und Erfahrungsberichten von Schüler:innen des Gymnasiums durch Direktorin Julia Fruhmann, Heinz und Patrizia D’Alessandro sowie der Schülerin Victoria Lenger.
Ein Bläserquartett des Josef-Haydn-Orchesters Bruck an der Mur sorgte mit stimmigen Arrangements von Professor Johann Kügerl u.a. der Lieder „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, „Sog nit keynmal“ und „Hevenu shalom alejchem“ für eine würdevolle Rahmung. Auch Stadtpfarrer Clemens Grill, Vizebürgermeisterin Andrea Winkelmeier und weitere Mitglieder des Gemeinderates wohnten der Veranstaltung bei.
Nach der Enthüllung gab es bei den vom Museumsverein geputzten Stolpersteinen für die jüdische Familie Hofmann ein stilles Gedenken an die Opfer der sogenannten Novemberpogrome, bevor noch ein Gedankenaustausch im Jungscharraum der Pfarre Bruck stattfand.
Wissenschaftlicher Text der Historikerin Professorin Eleonore Lappin-Eppel mit Bezug zu den Ereignissen in Bruck und dem Zeitzeugengespräch von Johann Trummer im Brucker Stadtmuseum:
Eleonore Lappin-Eppel: Respekt vor dem Menschen ist der Inbegriff der Kultur
Emmerich Trummer (14.10.1900 - 21.08.1979) war bei der Stadtgemeinde Bruck an der Mur als Bestatter beschäftigt. Als aufrechter, gläubiger Katholik stimmte er gegen den Anschluss an Nazi-Deutschland, trat trotz Aufforderung nicht aus der Kirche aus, seine Frau lehnte das Mutterkreuz ab. Im April 1945 bestattete Emmerich Trummer auf mehreren sogenannten Todesmärschen durch Bruck ermordete Jüdinnen und Juden und wurde dafür von der Israelitischen Kultusgemeinde mit einem Dankesschreiben geehrt.
Sein Sohn Johann Trummer (18.02.1940 - 18.07.2019) war ein renommierter römisch-katholischer Priester, Organist, Musikwissenschaftler und Medienmanager. Als 5-jähriger beobachtete Johann Trummer in der heutigen Körnerstraße (damals Bismarckstraße), Ecke Stadtwerkestraße, den größten Todesmarsch durch die Steiermark am 7. April 1945 mit rund 6.000 Menschen mitten durch Bruck. In einem Zeitzeugengespräch mit der Historikerin Ute Sonnleitner berichtete er am 9. Juni 2017 im Brucker Stadtmuseum über seinen Vater und seine persönlichen Erfahrungen.
Wer von uns darf trösten?
In der Tiefe des Hohlwegs
Zwischen Gestern und Morgen
Steht der Cherub
Mahlt mit seinen Flügeln die Blitze der Trauer
Seine Hände aber halten die Felsen auseinander
Von Gestern und Morgen
Wie die Ränder einer Wunde
Die offenbleiben soll
Die noch nicht heilen darf.
Nicht einschlafen lassen die Blitze der Trauer
Das Feld der Vegessens.
Wer von uns darf trösten?
aus: “Chor der Tröster“ von Nelly Sachs
im stillen
Gedenken -
wo ist er,
der Mensch
damit sollte
Geschichte
enden:
mit einem Schrei
alles anhalten
können
aus: “Manifest 45“
von Michaela Falkner
zit. nach Peter Nistelbergers temporärem Mahnmal „Call + Response“, errichtet in Kooperation mit dem katholischen Pfarrverband Bruck-Pernegg-St. Dionysen/Oberaich anlässlich „70 Jahre Todesmarsch“.
Dieses Denkmal wurde von Schülerinnen und Schülern des Brucker Gymnasiums gemeinsam mit Professorin Birgit Remele sowie den Künstlern Florian Lercher und Albin Wirbel von Juni bis September 2025 gestaltet. Die Schulgemeinschaft hatte sich im Rahmen eines Generationenprojektes, geleitet von Professorin Patrizia D‘Alessandro in Kooperation mit dem Brucker Stadtmuseum und dem Museumsverein, mit der Thematik intensiv befasst. Das Projekt „Gemeinsam Gedenken“ bestand aus einem Besuch der Gedenkstätte Mauthausen sowie einer Vor- und einer Nachbesprechung mit wissenschaftlichem Vortrag. Zudem fanden im Gedenkjahr 2025 zu „80 Jahre Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus“ mit fachlicher Unterstützung der Historiker Thomas Stoppacher, Eleonore Lappin-Eppel, Gerald Lamprecht und Heimo Halbrainer mehrere Vermittlungs- und Gedenkveranstaltungen unter Einbeziehung von Schulen und Zivilgesellschaft statt.